Tims WM Tour: Viva Mexiko!

Nach 26 Stunden falle ich k.o. ins Bett. Was ein Trip! Über Düsseldorf geht es nach Cancun, Flugzeit 11 Stunden. Dort kurzer Aufenthalt und weiter nach Mexico-City. Erster Eindruck: Wow! Mit einem Taxi geht es durch die Stadt, es ist dunkel, überall Blaulicht, überall Autos - in allen Varianten, groß, klein, alt, neu, kaputt, aufgemotzt mit Blinklichtern, die in Deutschland beim TüV schon vor der Kontrolle abgelehnt würden. Die ersten Eindrücke erschlagen mich.

Hier leben 28 Millionen Menschen in einer Stadt, alles zischt an mir vorbei. Lichter, Menschen, Häuser, Wolkenkratzer, Garküche auf der Straße, Müll. Wir stehen im Stau, natürlich. Mexiko Stadt ist Stau. Nach einer halben Stunde komme ich ins Hotel, das ist ziemlich schnell für 8 Kilometer sagt mir der Taxi-Fahrer. Okay, es ist auch schon 23 Uhr, die Zeitverschiebung von 7 Stunden macht mir zu Schaffen. An diesem Tag will ich nichts mehr - außer schlafen. Buenos Noches, Mexiko!

Erster Programmpunkt. Frühstück in Mexiko. Im Hotel bekomme ich einen ersten Eindruck, es gibt Toast, Brot und ein paar Teigteilchen, dazu Wurst, okay - Schinken, und Käse. Es überwiegt der Anteil von frischen Früchten, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe. Alles frisch. Das geht später so auf der Straße weiter, an jeder Ecke gibt es Früchte und Obst. Es gibt Garküche. In jedem Reiseführer steht: Als Europäer probierst du das besser nicht, der Magen zahlt dir das zurück. Ich will ja nicht, dass meine Tour in Mexiko mehr nebst Kacheln und Waschbecken stattfindet, statt auf der Straße, bei den Menschen.

Der Mexikaner ist gesellig

Mein erstes Treffen gibt es mit Herdis, einer Deutschen, die hier seit 1974 lebt, immer mal wieder nach Deutschland gezogen ist, aber seit 2006 Mexiko ihre Heimat nennt. Sie hat früher für eine Zeitung in Deutschland gearbeitet, mittlerweile ist sie Herausgeberin der Deutschen Mexiko Zeitung.  Wir treffen uns in einem kleinen Café in der City. Im Hintergrund gibt’s einen Mix aus Motorengeräuschen, Autohupen und Kindergeschrei. Es ist warm in Mexiko-Stadt. Die Kids laufen in Jeans und T-Shirt durch die Fontänen, die aus dem Boden Wasser in die Luft schießen. Völlig egal, wie nass sie sind, es macht Spaß. Nebenan gibt’s Cafés, Bars und viele Straßenküchen. Ein soziales Ereignis erzählt mir Herdis. „Hier treffen sich alle zur Mittagspause, egal ob Straßenarbeiter oder Büromensch.“ Aus kleinen Eimern wird grüne und rote Salsa verteilt. Ein dicker Klecks kommt auf die Tortillas, das gehört zur Grundnahrung in Mexiko. Dazu gibt es gebratene Kakteen, Rührei, Kartoffeln, Rindfleisch oder Würstchen. Die Mexikaner nehmen sich für ihre Mittagspause Zeit. An jeder Ecke gibt es solche Treffpunkte. „Sie sind sehr gesellig, sie feiern gerne Parties, das schließt die Familie mit ein, das Familienbewusstsein ist sehr ausgeprägt“, sagt Herdis. Und den größten Spaß haben die Mexikaner offenbar beim Fußball: „Das Land Mexiko ist ein absolutes Fußballvolk“, schwärmt Herdis. „Man hört immer die Namen Schumacher und Beckenbauer, und die Weltmeisterschaft 86 und 2006 in Deutschland, sie haben sehr viel über Deutschland erfahren, wir haben eine besondere Beziehung.“ Das hat eine lange Tradition. Schon Alexander von Humboldt zog es als Naturforscher nach Mexiko. Und das hat Spuren hinterlassen: „Sie beneiden uns um unsere Sauberkeit und Disziplin. Für sie ist unsere Entwicklung nach dem zweiten Weltkrieg ein ganz starkes Beispiel dafür, was man erreichen kann, wenn man diszipliniert ist. Sie lernen von uns und entwickeln sich, gerade wenn man die Autowerke in Puebla sieht, wie dort gearbeitet wird“, fasst Herdis die Beziehungen zu Deutschland zusammen. Deutschland ist beliebt in Mexiko!

Stau, Stau, Stau

Auch beim Thema: Öffentlicher Nahverkehr schauen die Lateinamerikaner gerne auf uns. Die typischen Fußgängerzonen gibt es nur selten, das wolle man sich abschauen von Europa. Zudem erstickt die Stadt Mexiko-City im Stau. Jahrelang wurde die Autoindustrie gefördert, statt auf öffentlichen Nahverkehr zu setzen. Vermehrt sehe ich kleine Busse, so genannte Peseros, die plötzlich am Straßenrand halten – ohne Haltestelle? Ich sehe zumindest kein Schild für einen Bus, geschweige denn eine eigene Busspur. Der Bus hält, einer springt aus der offenen Tür heraus und geht auf dem Bürgersteig weiter, umgekehrt passiert dasselbe beim Einstieg. Ziemlich lässig. Fahrradräder sehe ich, aber nur vereinzelt. Fahrradrouten gibt es nur im modernen Stadtzentrum, aber die machen sich rar. Herdis ist davon überzeugt, dass die Regierung in den nächsten Jahren weiter mehr dafür tun wird. Das Land öffne sich immer mehr. Dennoch: Das Auto bleibt das Verkehrsmittel.

Kriminalität in Mexiko

Und wie gefährlich ist es? „Wer nichts mit Drogen zu tun hat, braucht auch nichts zu befürchten“, sagt Herdis ziemlich schnell. Der Drogenkrieg ist das Thema, was wir in Deutschland mit Mexiko meist verbinden. Zehntausende Menschen sind dem zum Opfer gefallen. „Den mexikanischen Behörden ist gelungen die großen Kartelle zu zerschlagen, dafür gibt es jetzt viel mehr kleinere Gruppen, die Drogengeschäfte machen. Dazu gibt es immer mehr junge Leute, die keine Chance haben auf einen Job, das betrifft vor allem die Randgebiete. Die werden kriminell“, sagt Herdis. Es gebe zwar Regierungsprogramme, um die Armut zu bekämpfen, aber an der Chancenlosigkeit habe es nicht viel geändert. Der Mindestlohn in Mexiko liegt bei 100 Pesos am Tag, umgerechnet vier Euro. Dadurch geraten viele junge Mexikaner auf die schiefe Bahn. Und „je näher man an der Grenze wohnt, desto größer ist die Gefahr für Kriminalität. Diebstähle und Entführungen sollen immer wieder vorkommen“, so Herdis. Auf meinem Weg in die Stadt zu meinem Hotel werde ich das erste Mal damit direkt konfrontiert. Ich bin gerade mal 10 Minuten in der Stadt, habe kleine und große, alte und zerbrechliche und moderne, hochglänzende Gebäude gesehen. Inmitten der Bürobauten gibt es eine Kreuzung mit ein paar Grünflächen. Dort stehen Kreuze, auf einigen steht „Por qué?“ – „Warum?“. „Die Kreuze erinnern in Mexiko an die vielen Entführten in Mexiko. Es verschwinden immer wieder Menschen, sie tauchen dann irgendwann tot in Massengräbern auf.“ In dem speziellen Fall erinnern die Kreuze an 43 Studenten, sie wurden vor 4 Jahren entführt. Bis heute ist ihr Aufenthalt unbekannt. Die Regierung schweigt, die Polizei gibt nur spärlich Infos und die Familien trauern. Es ist ein großer Skandal in Mexiko, „weil wieder mal deutlich wird, dass Straftaten häufig ungeahndet bleiben“, kommentiert Herdis den Fall. Eine traurige Geschichte. Ich muss mich kurz schütteln. So unbeschwert, wie viele Kinder gerade unweit von mir durchs Wasser hüpfen, so beängstigend sind solche Geschichten. „In Mexiko gibt es einfach zu wenige gute ausgebildete Polizisten.“ Die Korruption ist allgegenwärtig. Wie gefährlich ist das für Touristen? Für Herdis sind vor allem illegale Taxen verhängnisvoll. Die sogenannten Piratentaxis nehmen Leute nach einem nächtlichen Besuch in der Disko oder Bar auf und überfallen sie. „Ich würde allen raten, nur Taxis vom Hotel offizielle Taxen zu nehmen“, sagt Herdis. Nachts sollten Reisen ohnehin vermieden sind

Was können wir von Mexiko lernen? Die Toleranz! Für Herdis sind die Menschen Vorbild, gerade wenn es darum geht, wie die Menschen mit Fremden umgehen. Auch im Straßenverkehr? „Ne, auf keinen Fall. Die Aggression auf der Straße können wir uns nichts abgucken, es gibt Taxi-Fahrer, die schon klassische Musik zur Beruhigung hören“, lacht Herdis. Und kurz danach gehe ich über einen Fußgängerüberweg, wobei ich eher aufgeregt renne. Gleich hupt mich ein Autofahrer an. In Mexiko gilt: Der Autofahrer hat immer Vorfahrt…

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