Tims WM Tour: Ein Alsdorfer kämpft für Mexiko

„Mexiko ist ein Land, in dem die Menschen ihr Leben genießen“, sagt Ralf. Er ist vor 25 Jahren nach Mexiko ausgewandert, hat seine Familie hier gegründet und liebt das Land. Ich treffe ihn in einem Kaufhaus, in einem Restaurant. Er kommt so wie er ist, locker-lässig in Jeans, T-Shirt mit zerzaustem Haar. Ein Lebemann. „Ich möchte das Land anderen Leuten zeigen.“ Und das hat er zu seinem Job gemacht, Ralf ist Reiseleiter, er organisiert Touren abseits der Betonpaläste, fernab von künstlich aufgebauter Strandkulisse oder All-In-Urlaubszielen.

Es gebe viel zu viele Negativmeldungen über Mexiko, klar existiere hier die Drogenkriminalität, davon bekomme der Touri aber nichts mit, erklärt mir Ralf. „Meinen Gästen, es sind über 30.000, ist bis heute nichts passiert. Es gibt Faustregeln, die man beachten muss. Es wird einfach in Europa extrem negativ dargestellt“, sagt er genervt. Für ihn sind die Menschen in Mexiko „wahnsinnig ehrlich“, 95 Prozent der Mexikaner seien nett. Ein gutes Beispiel für die Negativmeldungen über das Land an der Pazifikküste sei für Ralf die Schweinegrippe 2009. „Da wurde Mexiko derart als schuldiges Land ausgemacht, dass der Tourismus stark gelitten hat“, so Ralf. Die Werbung in den europäischen Reisebüros sei plötzlich zurückgefahren worden. Natürliche gebe es Gebiete nahe der Grenze, wo Touristen nicht einfach so hinfahren sollten, aber dafür sei dann Ralf da. Ralf ist kaum zu stoppen, er brennt für dieses Land und ich brenne mit ihm. Ich bin neugierig und hake nach: Wohin gehst du mit Deinen Gästen? „Überall hin, wo sie wollen, ich fahre durch Dörfer und schaue sie mir vorher und dann fahre ich mit den Touristen dorthin, wir essen mit Einheimischen, sitzen an Stränden, wo tagelang kein Mensch ist, das ist Mexiko.“ 

Der Mexikaner feiert gerne. „Es gibt immer einen Grund“, lacht Ralf, der keinen Hehl daraus macht, da gerne mitzumachen. „Bitte niemals um Erlaubnis, sondern nur um Verzeihung“ – ist das Motto beim Feiern, die Lebensgefährtin müsse dann auch mal zurückstecken. Ohnehin ist die Familie in Mexiko Alles. „Wir haben kein Sozialsystem, wie in Europa, Freunde und Familien ist die eigene Sozialversicherung. Jeder hilft jedem.“ Er erzählt mir von einem Fall aus der Nachbarschaft, wo er mit anderen Nachbarn kurzfristig einen Arzt geholt hatte, weil ein Mann schwer krank war. Zum Krankenhaus fahren wollte der Kranke nicht, also werde alles getan, damit ihm geholfen wird – auf die mexikanische, freundschaftliche Art. Am Ende geht es dem Kranken gut, denn es wird ein Arzt aus der Nachbarschaft organisiert. Ich spüre einen großen Zusammenhalt in Mexiko.

Mi Casa es su casa

Die Mexikaner sind unglaublich herzlich und freundlich, Ralf ist einer von ihnen, er empfängt mich am Nachmittag erneut mit offenen Armen. Er hat mich eingeladen, und nicht irgendwohin, nein, in das größte Sitzplatzstadion der Welt – das Aztekenstadion. „Es ist das wichtigste Stadion von Mexiko überhaupt, hier spielen die Nationalmannschaft und die Adler von America, ein Fußballverein. Hier ein Spiel zu sehen ist einmalig, wenn ein Tor fällt, hörst du das nochmal die nächsten 10 Kilometer“, schwärmt Ralf. Gemeinsam mit ihm laufe ich durch die Kabinen, das Medienzentrum und zum heiligen Rasen. „Diego Maradona zeigte hier die Hand Gottes“, lacht Ralf. 1986 ist es passiert, genau hier! Im Viertelfinal-Spiel zwischen England und Argentinien machte er mit der Hand ein irreguläres Tor, der Schiedsrichter gab es. Das Stadion ist deutlich in die Jahr gekommen, die Logen sind bei uns bessere Sprecherkabinen aus irgendeinem Viertliga-Provinz-Stadion. Aber darum geht es hier nicht, hier wird Fußball gelebt. Das ist Fußball-Kultur. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es hier still, aber Ralf bekommt glänzende Augen, wenn er sich an die Spiele in diesem Kessel zurückerinnert. "Das ist hier wie ein riesiges Bienennest, alles brummt", lacht er.

Als nächstes fahre ich mit Ralf in „sein Viertel“. Dort werde ich etlichen Mexikanern vorgestellt, da ist zum Beispiel Diego, ein Anwalt, der ein Freund von Ralf ist. Zusammen trinken wir Tequila. Und der Tag endet mit Ralfs Weisheit zum Spiel gegen Mexiko: „Wenn sie gegen Deutschland gewinnen, werden sie saufen, weil sie noch nie gegen uns gewonnen haben, wenn sie verlieren, werden sie auch saufen, weil sie dann sagen, ja gut, dann hatten wir halt Pech.“ Ich bekomme einen Eindruck davon. Wir trinken mit dem Kellner eines Restaurants einen Tequila, wir trinken mit einem Freund, der zufällig vorbei kommt, Tequila und wir trinken gemeinsam Tequila. Die Stunden vergehen und ich vergesse komplett, wie weit entfernt ich mich gerade von meiner Heimat Deutschland befinde. Diese Menschen habe ich gerade erst kennengelernt, aber jetzt schon in mein Herz geschlossen. Danke für diese ersten Eindrücke, Mexiko!

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