Wie Favre aus dem Goliath einen Zauberlehrling machte
Nein, im Training lässt Lucien Favre seine Spieler nicht aus 30 Metern auf das leere Tor schießen, damit sie bei einem eventuellen Fehlpass des gegnerischen Torwarts blitzschnell reagieren können. Solche Situationen gehören zu den nicht beeinflussbaren Faktoren im Fußball. Und genau so ein Zufall hat die Borussia gegen den FC Bayern auf die Siegerstraße gebracht. Neuer auf Reus und der hinein ins Glück. Eine Kombination, die im Sommer bei der Europameisterschaft die Nation euphorisieren würde, hat den Rekordmeister desillusioniert.
Nach dem eher zufälligen Führungstreffer folgte eine Demonstration des favre'schen Organisations- und Konterfußball. 64% Ballbesitz für den FC Bayern war kein Indiz für Dominanz sondern für Ideenlosigkeit. Die Angriffsriege um Gomez, Robben, Müller, Kroos und Schweinsteiger erspielte sich im ersten Durchgang genau eine Torchance. „Defensiv sind wir sehr, sehr stark“, bilanzierte Favre. Mit zwölf Gegentoren stellt die Borussia jetzt die beste Abwehr der Liga.
Lucien Favre hat es einmal mehr geschafft, seine Mannschaft perfekt auf einen Gegner einzustellen. Obwohl die Bayern zweifelsohne mehr individuelle Klasse in der Mannschaft hatten – acht deutsche Nationalspieler standen in der Startelf – schafften es die Borussen im Kollektiv, die Stärken der Bayern nicht zur Entfaltung kommen zu lassen. „Wir haben hinten wenig zugelassen und vorne eiskalt die Tore gemacht. Das war der Unterschied heute“, meinte Patrick Herrmann, der mit zwei Toren maßgeblich Anteil am zweiten Saisonsieg gegen den Branchenführer hatte.
Dass Herrmann schon wieder als Torschütze für Furore sorgen konnte, hatte er in zweierlei Hinsicht seinem Teamkollegen Mike Hanke zu verdanken. Dieser legte vor dem 2:0 mustergültig auf und hatte schon im Vorfeld für die nötige Kaltschnäutzigkeit beim Youngster gesorgt. „Ich habe ihm von früher erzählt, wie ich die Tore gemacht habe“, flachste der Blondschopf. Mit zurückkehrender Ernsthaftigkeit stellte Hanke dem Mann des Abends ein astreines Zeugnis aus: „Er spielt seit Wochen sehr stark, aber ich glaube, dass er noch nicht am Ende seiner Entwicklung ist.“
Wo die Entwicklung der Borussia ein Ende finden kann, ist kaum absehbar. Nach dem zweiten Sieg gegen den Rekordmeister binnen einer Spielzeit scheint auch der ganz große Wurf möglich. Schließlich gilt der Grundsatz, dass Angriffsreihen zwar ein Spiel gewinnen, aber die Meisterschaft über die Defensive errungen wird. Dass die Akteure „weiter von Spiel zu Spiel“ gucken, muss eigentlich nicht mehr erwähnt werden, weil diese Marschroute seit Monaten die Fans verzaubert und die Journalisten langweilt. „Du kennst doch die Antwort“, scherzte Marco Reus auf die Frage, ob die Borussia reif für den Titelkampf sei.
Fakt ist, dass die Borussia jede Mannschaft schlagen kann. Fakt ist auch, dass das Team – geprägt vom Existenzkampf der letzten Saison – keinen Gegner auf die leichte Schulter nimmt und jede Aufgabe mit höchster Seriösität annimmt. In der aktuellen Form ist der Fast-Absteiger auf Augenhöhe mit den Schwergewichten der Liga. Ob man diese Gewichtsklasse halten kann, wird stark davon abhängig sein, inwiefern man in der Rückrunde vom Verletzungspech verschont bleibt.
Favre weiß auch, dass er auf Ausfälle nicht so problemlos reagieren kann wie seine Kollegen aus München und Dortmund. Aber soweit möchte der Übungsleiter gar nicht denken. „Wir genießen jetzt diesen Moment“, so Favre. Aber wer den 54-Jährigen kennt, der weiß, dass er beim Sieger-Glas Rotwein schon daran tüftelt, wie man dem nächsten Gegner den Zahn ziehen kann.
Autor: Andreas Cüppers


