Herr Favre, bei Bayern können Sie nur verlieren!

- Bleibt er oder verabschiedet sich Lucien Favre bald aus Gladbach? (Foto: DFM)
Die Borussen klettern, die Bayern wettern – so oder so ähnlich könnte man die Ereignisse des 22. Spieltags zusammenfassen. Mit dem sechsten Auswärtssieg der Saison konnte die Favre-Elf am Rekordmeister vorbeiziehen, was bei dem ein oder anderen bayrischen Funktionär zu einer Veränderung der Gesichtsfarbe führte. Gladbach auf Augenhöhe mit Bayern – da lässt die Anerkennung nicht lange auf sich warten.
Anerkennung? Ach ja, dieses öffentliche Buhlen um die Erfolgsgaranten der Borussen. Dante steht offenbar ganz oben auf der Einkaufsliste des FC Bayern. Für knapp fünf Millionen Euro kann er den Verein am Saisonende verlassen. Ein Abgang ist nicht auszuschließen, im Gegenteil: Dante wäre nicht der erste Spieler, der dem Lockruf von Geld, Champions League und Titelkampf folgen würde. Nach Marco Reus und Roman Neustädter droht nun also der Verlust eines dritten Leistungsträgers.
Es scheint so, als sei es für die Borussia unmöglich, sich dauerhaft in der Tabellenspitze festzusetzen, wenn der Verein für die Spitzenspieler nur eine Zwischenstation ist. Falsch! Werder Bremen ist das lebende Beispiel dafür, dass trotz geringer Halbwertszeit der Stars (z.B. Klose, Diego, Ismael, Micoud, Klasnic etc.) der Verein dauerhaft im oberen Drittel der Tabelle zu finden ist. Komisch, dass ausgerechnet in Bremen der dienstälteste Trainer der Liga das Sagen hat.
Lucien Favre ist zweifelsohne der Macher der Gladbacher Erfolgsgeschichte. In einem Jahr hat er sagenhafte 66 Punkte eingefahren. Diese Bilanz und die Art und Weise wie seine Mannschaft Fußball spielt, ist der Konkurrenz natürlich nicht verborgen geblieben. So adelt Franz Beckenbauer öffentlich den Borussen-Trainer und traut ihm den Chefsessel bei den Bayern zu. Favre zu Bayern – diese Vorstellung lässt so manchen Borussen-Fan schlecht schlafen.
Natürlich hat Lucien Favre noch einen Vertrag bis 2013 in Mönchengladbach und natürlich wollen die Verantwortlichen diesen möglichst schnell verlängern. Doch lässt der Trainer sich darauf ein? Ist die Angst vor dem Einbruch größer als die Verlockung, mit rund 30 Millionen Euro seine Mannschaft zu verstärken? In Gladbach könnte Favre zur Legende werden und in München?
Dort zeichnet sich ab, dass es den unterschiedlichsten Trainer-Typen schwer fällt, langfristig etwas aufzubauen. Ottmar Hitzfeld war der letzte Bayern-Coach, der es über Jahre schaffte, autoritär seine Mannschaft zu führen, ohne dabei in der Chef-Etage anzuecken. Die Magaths, Klinsmänner und van Gaals dieser Welt hatten in ihren Amtszeiten zum Teil Erfolg, doch nachhaltige Arbeit konnten sie in München nicht abliefern.
Dieses „mia-san-mia-Selbstverständnis“ drückt bisweilen die Stimmung beim Rekordmeister. Deutscher Meister werden ist der Normalfall, alles andere ist ein Misserfolg. Ein Paradies für einen Trainer sieht anders aus. Louis van Gaal schaffte in einer Saison das Double und führte seine Mannschaft ins Finale der Champions League. Bis auf die 0:2-Niederlage im Finale gegen Inter Mailand hat er das Maximum der Ziele erreicht. Das Ende der Geschichte ist bekannt.
Jürgen Klopp, der nicht nur an vielen Stammtischen als nächster Bayern-Trainer gehandelt wurde, hat mit seiner Vertragsverlängerung in Dortmund bis 2016 gezeigt, dass es ihm offensichtlich mehr Spaß macht, einen Entwicklungsprozess fortzusetzen und mit jungen und hungrigen Spieler zu arbeiten, ohne dabei den absoluten Erfolgsdruck zu haben.
Genau das möchte Lucien Favre auch. Der 54-Jährige kritisiert oftmals den Erwartungsdruck und den sofortigen Erfolg, der von jedem Trainer in der Bundesliga gefordert wird. Perspektivisches Arbeiten ist im Profi-Fußball nur sehr schwer möglich. Diese Perspektive hat er in Mönchengladbach – und große Transfererlöse um den Kader zu verstärken. Es gibt im Moment nicht viele attraktivere Arbeitsplätze in der Bundesliga als den Trainer-Job in Gladbach. Ob der Chefsessel in München so viel bequemer ist, sollte Lucien Favre vielleicht mal telefonisch mit Louis van Gaal besprechen.
Autor: Andreas Cüppers

