Spitzensport, Spannung & Sonne beim NetAachen Domspringen 2016

BLOG: Der Katschhof wird einmal mehr zum Hexenkessel und bereitet einem ganz Großen einen würdigen Abschied aus dem Leistungssport

Das NetAachen Domspringen. Für mich als Aachener Leichtathlet ein Pflichttermin im Jahreskalender. Wann sonst bekommt man schon mal Topathleten in Aachen zu sehen, lässt man den CHIO mal außer Acht. Jedes Jahr im September verwandelt sich dann der Katschhof in eine stimmungsvolle Stabhochsprung-Arena. Tribünen und Stehplätze so nah an den Athleten, wie sonst vermutlich nirgendwo und auch gestern wieder 5000 Zuschauer, bei denen vielleicht nicht alle Stabhochsprung-Experten sind, die sich aber von der Stimmung und dem Sport mitreißen lassen.

Das Springen der Männer steht dabei ganz klar im Vordergrund, als Warm-up gibt es aber vorab auch immer einen Wettkampf der Frauen. Diesen gewann in diesem Jahr Victoria van Eynatten von Bayer 04 Leverkusen, das deutsche Mekka des Stabhochsprungs. 4,20 m übersprang sie und es deutete sich schon an, wozu das Publikum auf dem Katschhof fähig ist, obwohl es noch nicht komplett gefüllt war. Mitfiebern bis zum letzten Sprung, das gedankliche Mitspringen mit den Athleten über die Latte und der laute Applaus, wenn die Höhe gemeistert wurde oder als Aufmunterung, wenn man auch im dritten Versuch scheiterte und damit folglich aus dem Wettkampf ausgeschieden war.

„Aachen ist einfach Wahnsinn“ – Björn Otto

Spätestens zur Athletenvorstellung bei den Herren ging dann aber gar nichts mehr auf dem Katschhof. Volles Haus, fantastisches Wetter und ein gutes Teilnehmerfeld versprachen einen aufregenden Sportabend im Herzen Aachens. Obwohl der Dritte der Olympischen Spiele, Sam Kendricks (USA), und der Vorjahressieger und Weltmeister Shawn Barber (Kanada) leider absagten, waren immer noch 11 hoch motivierte Athleten am Start. Mit dabei unter anderem Piotr Lisek (POL), der in Rio bei den Olympischen Spielen mit Rang 4 nur knapp die Medaillen verpasste. Auch Tobias Scherbarth, seines Zeichens deutscher Meister 2016, trat (einmal mehr) beim Domspringen an.

Bereits im Vorfeld sollte die zwölfte Auflage des Meetings aber ein ganz Besonderes werden. Björn Otto kündigte an, auf dem Katschhof in Aachen beim diesjährigen Springen seine Karriere zu beenden. Was für eine Ehre, gewann der Kölner doch schon olympisches Silber und überquerte hier in Aachen 2012 die magischen 6,01 m, mit denen er einen bis heute anhaltenden deutschen Rekord aufstellte. „Aachen ist einfach Wahnsinn“, begründete er nachher am 100‘5 Mikro seine Entscheidung, seine Karriere hier zu beenden. Warum Aachen für die Springer der Wahnsinn ist, merkte man dann schon zum Start des Wettkampfes. Jeder Springer sucht sich zu seinem Anlauf bzw. Sprung einen Song aus, der ihn noch mal motiviert und die Zuschauer zum Klatschen antreibt. Sei es bei der Einstiegshöhe oder beim letzten Sprung des Wettkampfes, der Katschhof bebt bei jedem Versuch, bei jedem Athleten, bei jeder Höhe. Das nenne ich Werbung für den Sport!

Was war mit Björn Otto? Auch er wollte an seinem letzten Wettkampf noch mal die Spikes schnüren und aktiv am Wettkampf teilnehmen. Sein Ziel: Sich mit einem gültigen Versuch vom Publikum verabschieden, im besten Fall über 5,00 m. Gegen halb 8 war es dann soweit, Otto, bei dem es den mit Abstand lautesten Applaus gab, überquerte als letzte Höhe 5,10 m. Seine 3 Versuche über 5,20 m waren leider alle ungültig und eine große Stabhochsprung Karriere war vorbei. Athleten, Trainer, Weggefährte, Freunde und Organisatoren kamen, um sich zu verabschieden. Gänsehaut. „Schon ziemlich emotional“, beschrieb Björn Otto im Anschluss das Gefühl nach seinem letzten Sprung und bedankte sich beim Aachener Publikum, das ihn in der Geschichte des Domspringens schon viermal siegen sah (so oft wie noch keinen anderen in Aachen). „Ich hätte gerne mit einem gültigen Versuch aufgehört, aber so stehen jetzt immerhin über 5 (Meter) zu Buche und ich bin nicht Letzter geworden, von daher alles Gut“ zeigte er sich auch mit seinem Wettkampf zufrieden.

Es sollte aber noch deutlich höher hinausgehen. Wirklich spannend wurde es bei 5,60 m, als noch Vier Springer im Rennen waren. Alle Vier mussten in den dritten Versuch, bei dem sich das Publikum auf dem Katschhof traditionell von den Sitzen erhebt, um den Springer noch mal extra zu pushen. Bei drei der Vier Springer leider vergeblich. Nur einer schaffte im dritten Versuch die 5,60 m – der deutsche Meister und Olympiateilnehmer aus Leverkusen, Tobias Scherbarth. Damit stand er als Sieger 2016 fest und versuchte sich noch 3 Mal an 5,80 m – leider vergeblich. Standesgemäß brannten die knapp 5000 wieder ein Applaus- und Jubelfeuerwerk ab, und auch wenn es „nur“ 5,60m waren, war Tobi Scherbarth zufrieden mit sich und dem Aachener Wettkampf: „Wir haben viele schöne Marktplatzspringen in Deutschland, aber hier in Aachen ist es einfach noch mal kompakter […] und das macht es einfach so speziell hier in Aachen zu springen.“

Einen Eindruck, den ich nur bestätigen kann. Egal, ob man sich in der Materie Stabhochsprung, bzw. Leichtathletik allgemein auskennt oder nicht, das Domspringen ist ein stimmungsvolles und spannendes Sportereignis, bei dem man auf jeden Fall mal dabei sein sollte. Sich von der Kulisse, den Athleten, der Stimmung und dem Sport mitreißen lassen. Eine bessere Werbung gibt es nicht, auch wenn es für meinen Geschmack in den nächsten Jahren noch ein bisschen höher gehen darf.

Die Siegeshöhe war aber in diesem Jahr fast schon zweitrangig, stand die Leistungssportrente von Björn Otto doch im Vordergrund, der von Alemannias Stadionsprecher Robert Moonen standesgemäß mit „Danke Danke“ verabschiedet wurde.

Blog von 100'5 Reporter Max Bittis

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