Mein Tag mit der AS Eupen in Antwerpen

Eupen verpasst Aufstieg erneut knapp – Ausschreitungen in Antwerpen

BLOG: Spitzenspiel im Antwerpener Bosuilstadion, die AS Eupen reiste als Tabellenführer zum punktgleichen Tabellennachbarn. Schon im Vorfeld der Partie war klar: Das wird kein normales Ligaspiel, das wird ein heißes Finale. Denn der Gewinner steigt auf, der Verlierer guckt dabei zu. Am Ende kam die AS gegen Royal Antwerpen nicht über ein 0:0 hinaus. Währenddessen gewann White Star Brüssel gegen Patro Eisden Maasmechelen und steigt damit auf, Eupen beendet die Saison als Vizemeister, Antwerpen punktgleich dahinter. Eine kleine Chance bleibt aber noch, denn Brüssel hat noch keine Lizenz für die 1.Division. Wird diese nicht erteilt, rückt die AS Eupen nach und darf nach drei knapp verpassten Aufstiegen endlich ins Oberhaus. 100´5- Reporter Marius Olion war in Antwerpen mit dabei und da war ganz schön viel los.

17 Uhr, noch 3 Stunden bis zum Anpfiff. Um mitten drin zu sein, fahre ich mit dem Fanbus nach Antwerpen. Trotz gefährdeter Sicherheitslage machen sich mit mir rund 200 unerschrockene Eupen-Fans auf den Weg in die Hafenstadt. Die Stimmung im Bus ist gut, die Fans optimistisch: „Das ist unser viertes Finale, dieses Jahr sind wir dran“ reden sich die Eupener-Fans Mut zu. Auch bei mir steigt die Aufregung. Je mehr sich die vier Fanbusse dem Schauplatz für den Abend nähern, desto klarer wird: Das hier heute, das wird hitzig, das wird heiß und das wird außergewöhnlich. Ein Polizeihubschrauber kreist über den Bussen, die von Polizei begleitet Richtung Stadion fahren. Auf den Gehwegen stehen Antwerpener und recken ihre Schals, Fahnen und Mittelfinger Richtung Bus. Einer lässt die Hose runter. Im Bus wird es lauter, die Fans stimmen sich auf die kommenden 90 Minuten ein: „Ich geb mein Herz für Dich, ich lass Dich nicht im Stich, für Eupen lebe ich“. Eine gute halbe Stunde noch bis zum Anpfiff, wir fahren in den „Käfig“, da kommt kein Eupener raus und kein Antwerpener rein. Irgendwie beruhigend, denn von Anfang an machen die Antwerpener klar, wo man hier ist. An einer Wand steht auf flämisch geschrieben: „Willkommen in der Hölle“.

Gemeinsam mit dem Medienbeauftragten der AS Eupen mache ich mich auf den Weg zur Pressetribüne. Zumindest versuchen wir das. Polizei und Stewards sind sich nicht ganz einig, wo die denn überhaupt ist. Dazu sei gesagt, es ist nicht die eigentliche Pressetribüne, sondern ein ganz normaler Sitzblock, der wegen des großen Presseandrangs kurzerhand umfunktioniert wurde. Auf dem richtigen Weg stellen wir schnell fest: Da müssen wir durch. „Da“, das ist eine Fantribüne der Antwerpener. Je nach Ausgang der Partie möchte man dadurch eigentlich nicht mehr zurück, die Antwerpener sind nicht gerade für ihren liebevollen Umgang mit Gästen bekannt. Im Presseraum angekommen, ein kleiner Raum mit Tischen, einer Theke und zu vielen Pressevertretern, entscheide ich mich schon zur Tribüne zu gehen. Vorher noch schnell auf Toilette. Auf der Suche nach dieser stehe ich plötzlich in der Kabine der Eupener. Gegenüber sehe ich die Toiletten. Von da aus erhasche ich den ersten Blick ins Stadion – die Toiletten sind der Durchgang von Umkleide zum Spielfeld. Diese verrückte Mischung aus WC und Spielertunnel wird an diesem Abend noch eine andere Rolle spielen.

Jetzt aber schnell auf meinen Platz, das Spiel fängt in wenigen Minuten an. Die Pressetribüne, provisorisch mit Strom und Tischen ausgestattet, befindet sich direkt über dem Gästeblock. Überall in den Blöcken erstrahlen rote bengalische Feuer, hier und da wird eine Rauchbombe gezündet. Das Spielfeld wird von einer dichten Rauchwolke bedeckt. Ich habe schon viele Fußballspiele gesehen, aber so viele Bengalos auf einmal...einmalig. Wenn es in Deutschland einen Block gibt, in dem Pyrotechnik gezündet wird, dann gibt es hier maximal einen, wo nicht gezündet wird. Die Atmosphäre ist riesig, fast schon wie in England. Anpfiff. Die Antwerpener, mit rund 14 Tausend Mann klar in der Überzahl, peitschen ihr Team nach vorne. Die Eupener halten dagegen. Bei jeder guten Aktion der eigenen Mannschaft trampeln die Antwerpener auf den blechrigen Tribünenboden und bringen diesen zum Beben. Während auf den Rängen weitere bengalische Feuer leuchten, findet auf dem Platz alles andere als ein Feuerwerk statt. Das Spiel lebt von der Spannung, fußballerisch kein Leckerbissen. Halbzeit. Kurz etwas runterkommen, sich mit Kollegen austauschen, durch den Antwerpenblock in den Presseraum, trinken, hoch, weiter geht’s. Die zweite Halbzeit geht so weiter, wie die erste aufgehört hat. Von meinem Platz aus muss ich immer wieder nach vorne und hinten wippen, um an den Fans vorbei zu schauen, die sich am Absperrgitter vor der Tribüne immer wieder platzieren und die Sicht versperren. Nicht weniger, als das Gitter selbst, das auf Augenhöhe die dickste Stange hat. Erst fünf Minuten vor Schluss wird es auf dem Platz nochmal richtig spannend. Nach einer Ecke knallt das runde Leder auf die Querlatte des Antwerpener Kastens. Die größte Chance vergibt Eupen in der 90.Minute. 0:0 Ende. Unterdessen ist klar: Brüssel gewinnt gegen Maasmechelen und sichert sich damit den Aufstieg. Vorerst. Eupen kann noch aufsteigen, wenn White Star Brüssel keine Lizenz bekommt. Ich mache mich auf den Weg nach unten auf den Platz, ich brauche Eupens Innenverteidiger Peter Hackenberg als Interviewpartner. Die Enttäuschung ist ihm ins Gesicht geschrieben. Er sagt: „Das ist bitter, wir hatten alles selber in der Hand und vergeben diese Chance in der 90.Minute“. Für ihn sei ein Traum geplatzt, den er sich gerne heute erfüllt hätte. Kurz nach diesem Interview stehe ich noch vor dem Eupener Fanblock und sauge die Atmosphäre auf, als ich aus dem dichten Qualm eine Horde Antwerpener Ultras auf mich zu laufen sehe. Alles wird hektisch, Spieler und Presse, inklusive mir, flüchten Richtung Kabine. Im überfüllten Toiletten-Durchgang zur Kabine steht Hackenberg neben mir und ruft: „Close the door, close the door!“ Ich stehe zum zweiten Mal an dem Abend in der Kabine, in Sicherheit, die Security stemmt sich gegen die Türen. Es herrscht Aufregung, keiner weiß, wann wir das Stadion verlassen können, keiner weiß, was gerade im Innenraum passiert. Später erfahre ich von Wasserwerfereinsätzen. Als wir das Stadion verlassen dürfen, merke ich schnell, dass der Weg zum Fanbus zu gefährlich ist, ich besorge mir eine Mitfahrgelegenheit. Ob der Weg dahin aber ungefährlicher war? Auf dem Weg zum Auto müssen wir an den aggressiven Antwerpenern in ihrer Stammkneipe vorbei. Schnell ins Auto, mit deutschem Kennzeichen noch schneller weg vom Stadion.

Alles gut gegangen. Um kurz nach Mitternacht bin ich heile und voller Eindrücke in Eupen angekommen. Ein spannender Abend mit viel Brisanz, aber ohne Aufstiegsfeier. Aber wer weiß? Vielleicht wird die AS Eupen noch am grünen Tisch zum 1.Ligisten, wenn Brüssel keine Lizenz bekommt. Zu gönnen wäre es der jungen Truppe.

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