Blog: Wenn Männer weinen

"Spaghetti D'Allemagne mit schön Kartoffeln, wir gewinnen 2:1" oder "Einmal die Calzone retour mit einem kräftigen 3:0-Sieg mit Ketchup oben drauf". Die Sprüche der Deutschen Fans vor dem Viertelfinale gegen Italien sitzen. Schon am Vorabend singen die Fans in den Straßen der Altstadt von Bordeaux: „Arreviderci Italia!“ 24 Stunden später soll es historisch werden, ja mehr als das: Ein Krimi, der Männer zu Kindern unterm Weihnachtsbaum werden lässt.

Mein Trip beginnt am Freitag. Es geht zum ersten Mal bei dieser Euro 2016 in den Süden Frankreichs. Bordeaux ist das Ziel. Am Flughafen in Brüssel treffe ich nur wenige deutsche Fans. Die meisten Anhänger reisen mit dem Auto oder mit dem Zug an. Nach gut zwei Stunden Flug – mit Zwischenstopp in Nantes komme ich in die wohl gemütlichste EM-Stadt, die Deutschland bisher bereist hat. Cafés, Bistros, Plätze – dazu hängen Girlanden mit Fähnchen der Euro-Teilnahme von Laterne zu Laterne. Am Vorabend des Klassikers treffe ich vereinzelt Fans – alle, ausnahmslos, glauben an einen deutschen Sieg gegen Italien. Sie schicken Grüße an ihre Lieblingspizzeria um die Ecke: „Morgen müsst ihr stark sein“ ist da das Harmloseste.

Schlangen am Schalter

Bevor es in die Stadt zur Fanvorbereitung geht, fahre ich raus ans Stadion. Nur ein paar hundert Meter von dort entfernt gibt es den Ticket-Schalter. Hier können Fans ihre Voucher einlösen, um ihr Ticket abzuholen. Väter, Mütter, Kinder, Jugendliche, Feierwütige, Vollblut-Anhänger, Männergruppen und Paul aus Geilenkirchen – sie alle kommen mit einem breiten Grinsen aus dem Flachbau an der Tram-Station. In der Hand halten sie freudestrahlend ihr Ticket zum historischen Sieg? „Aber ganz sicher, heute sind wird die Serie der Italiener mal reißen“, sagt mir Paul, der mit seinem Kumpel ein paar Tage in Frankreich unterwegs ist.

Deutsches Hotel gleich um die Ecke

So nah am Stadion war die Deutsche Nationalmannschaft bei dieser Euro noch nicht untergebracht. Nur 800 Meter vom Eingang des mehr als 42.000 Zuschauer fassenden Stadions steht der Fünf-Sterne-Bunker des DFB-Teams – mitten im Gewerbegebiet umgeben von großen Shopping-Centern und Waschstraßen. La Mannschaft will anscheinend vor dem Klassiker den Optimismus der Fans aufsaugen. Vor dem Hotel ein paar Fans, darunter auch Frank. Er lehnt am Absperrgitter und hält eine kleine Digi-Cam in seiner Hand. Die Kamera ist an – jeden Augenblick könnte ein Weltmeister aus dem Eingang rauskommen. „Jogi, hey da oben ist Jogi“. Plötzlich werden die Kameras und Smartphones gezückt. Der Bundestrainer geht an einer Fensterfassade vorbei, vermutlich auf dem Weg zum Mittagessen. Hände in der Hosentasche – 3, 4 Sekunden später ist er wieder weg. „Ja, heute morgen um viertel vor 10 sind alle zum Frühstück gegangen, das haben wir gesehen, Draxler und Löw haben uns gegrüßt“, erzählt mir Frank ganz stolz. Da wird ein Mann zum Kind.

Tränen lügen nicht

20.45 Uhr. Die Mannschaften laufen ein. Die Fans wünschen sich untereinander viel Glück und schlagen beieinander ein. Jetzt zählt’s. Gänsehaut – die Hymnen werden geschmettert. Vorteil Deutschland: Es sind deutlich mehr deutsche Anhänger im Stadion. Es folgt ein nervenaufreibendes Spiel. Italien mauert, Italien lauert. Deutschland läuft an, macht das 1:0. Der erste Freudensturm bricht herein. Ich werde rumgeschubst – vor Freude. Ich schubse zurück, umarme, klatsche ab, freue mich, springe, hüpfe. Alles, was der Körper gerade zulässt. Fast das 2:0, Gomez scheitert spektakulär mit der Hacke. Buffon, der Rentner im Torwarttrikot, hält Italien im Rennen. Dann: Stille. Ein Elfmeterpfiff. Boateng, der beste Nachbar, der coolste Mann bei Deutschland, macht die Siegerpose zu früh. Mit ausgestreckten Armen berührt er den Ball. Elfmeter, Italien gleicht aus, 1:1. Durchatmen, schütteln, Verlängerung. Und jetzt geht der Nervenkrimi erst richtig los. In der Verlängerung passiert nicht viel, aber eben genug für alle in der Kurve. „Bitte kein Elfmeterschießen, ich gehe raus, das kann ich nicht sehen“, sagt eine ältere Dame mit Deutschland-Fahnen auf der Wange.

 

Es folgt ein Elfmeterschießen, das den Tatort im Abendprogramm der ARD langweilig erscheinen lässt. Ein Drehbuch, das zu voll ist für einen Film. Schützen laufen urkomisch an, treffen den Pfosten, den Nachthimmel, den Neuer oder den Buffon und ein Kölner lässt Deutschland eskalieren. Fremde werden zu Freunden. Ein Jubel, der einen umwirft. Die Kurve fühlt sich an wie ein Tollhaus. "Oh wie ist das schön"-Sprechhöre hallen durch das Stadion. Eine historische Nacht in Bordeaux: Deutschland schlägt zum ersten Mal bei einem großen Turnier den Angstgegner Italien. Um 3 Uhr falle ich erschöpft von diesen Eindrücken ins Bett - irgendwann mache ich die Augen zu. Und ich träume von einem Krimi mit einem Happy-End...

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