Blog: Mein nächster Urlaub ist in Nordirland

Fans

Wahnsinn. Einfach nur Wahnsinn. Es sollte der Stimmungskracher der Vorrunde für die Deutschen Fans werden und der war es. Tausende Deutsche und Nordiren liegen sich in den Armen, tauschen Schals aus, singen „Will Griggs on Fire“ „God take me home“ oder „Supa Deutschland“ und es fehlt nur noch der Beginn einer Fanfreundschaft…

Alles beginnt am Vorabend. Im Szene-Viertel „Pigalle“ reihen sich Pubs, Diskotheken und Rotlicht-Bars aneinander. Jeden Abend ist hier was los. Egal ob Touristen, Einheimische, Schaulustige, zwielichtige Personen oder jetzt EM-Fans. An diesem Montagabend wage ich mich in den Pub, der mir am lautesten entgegenbrüllt: „Komm rein, hier geht’s rund!“ Schon vor dem Club sehe ich nur grüne Trikots – Nordiren. Sie grölen, trinken und quatschen jeden an, der verlegen in der Ecke steht. Ich gehe am Türsteher vorbei ins Innere. Dort: Ausnahmezustand. Ortszeit: 21:15. Der Pub hat keinen Sitzplatz mehr. Alles steht. Alles feiert. Gummipuppe in der Menge, eskalierende Iren und ein paar wenige junge Frauen, die wohl irgendwo da draußen in der Stadt mitbekommen haben: „Hier in dem Pub soll es abgehen, Schweiß und Biergeruch inklusive.“ Dichtes Gedränge überall. Der erster Nordire umarmt mich, ruft mir zu „EVERYWHERE WE GO, IT'S THE ULSTER BOYS MAKING ALL THE NOISE.“ Er will ein Foto mit mir. Warum? “Because you are German, you are the World Champion.” Ich habe das Gefühl, das passiert hier am Abend hundertmal und öfter. Fans umarmen sich, knipsen ein Erinnerungsfoto, singen miteinander und verschwinden wieder in den Massen. Am nächsten Tag weiß niemand mehr, wer der andere war. Aber es war gut. Ganz sicher. Videos helfen dann bei der Aufarbeitung des Abends:

Ein Ball und die Party

Am nächsten Morgen laufe ich zum Fantreff der Deutschen Fans, direkt neben dem Eiffelturm und der Fanmeile. Auch dort gibt es jede Menge Pubs, Bars und Restaurants. Auch da sind Nordiren. Überall. Sie kommen, trinken und feiern. Deutsche Fans klinken sich in die Party ein. Es wird ausgelassen geschunkelt, mal singen die Deutschen, mal singen die Nordiren, mal singen beide zusammen. Gänsehaut an jeder Ecke. Ein Paradies für jeden Fan.

Plötzlich Jubel. Ist ein Tor gefallen? Ne, kann nicht. Das Spiel ist erst um 18 Uhr. Aber ein Ball. Im hohen Bogen schießt ein Nordire einen UEFA-Spielball in die Luft. Dass er dabei nicht umfällt, ist ein Wunder. Schwankend wird er von anderen gehalten. Der Ball fliegt zehn, zwanzig Meter in die Luft – kommt runter, landet auf einem der großen Schirme am Café und schlägt anschließend direkt neben einem kleinen, runden Bartisch auf – darauf Bierbechertürme, unversehrt. Es geht ein Raunen durch die Massen. Und schon hämmert der nächste unter Affengeräuschen den Ball in die Luft. Diesmal schlägt er auf einem der geparkten Motorroller auf. „Ouuuuuuhhhhhhhhhhh“-Rufe. So geht das über eine halbe Stunde lang, bis der Ball auf einen Balkon im zweiten Stock fliegt. Niemand zuhause, der Ball scheint unerreichbar. Es kommt der Moment von einem jungen Mann, der gerade vor seinem Haus die größte Party erlebt und plötzlich zum DJ, Barkeeper, Türsteher und Clubbesitzer in einer Person wird. Er muss die Party wieder ans Laufen kriegen, also den Ball vom Nachbarbalkon ins Feiervolk bringen. Waghalsig balanciert er auf den Balkon nebenan, hält sich an der Brüstung fest, zieht sich an der Regenrinne hoch und steht mit beiden Armen ausgebreitet auf dem Balkon - David Guetta würde neidisch sein, denn das hier ist echt. Echter Fußball. Echte Fans. Unter ihm tausende Feierwütige - sie zitterten mit, feuerten ihn an und jubeln ihm jetzt zu.  Er hat ihn. Den Ball. Applaus. Ach was…Ekstase. Die Nordiren und Deutschen feiern den Retter des Balles – der Party. Die Feierei geht weiter. Der Ball fliegt wieder hin und her.

Fanwalk durch den Tunnel

Um viertel nach 3 platzen die Straßen am Fantreff vor Fanmassen. Höchste Zeit unter Aufsicht der Polizei zum Prinzenpark zu ziehen. Es gibt wieder einen Fanwalk vom Fanclub Nationalmannschaft. Mehr als 5000 Fans sind mit dabei. Nordiren schließen sich an. Straßen werden gesperrt, ja sogar ein Tunnel wird lahmgelegt. Es wird laut. Extrem laut! Auch hier Fangesänge, auch hier eine Stimmung, wie ich sie im Vorfeld eines Spiels unter sportlichen Gegnern noch nie erlebt habe. 500 Meter lang ist die Unterführung, dort drin ist eine Stimmung, nicht zu packen, nicht in Worte zu fassen – Bewegtbilder können helfen:

Am Ende des Tages falle ich erschöpft ins Bett – erledigt von diesen Eindrücken. Und ich denke nochmal über diesen Tag nach und am Ende bleibt das Gefühl, dass die Nordiren nur darauf warten andere Nationen zu treffen. Ein Chor macht Klassenausflug nach Frankreich - nur ohne Brote und Stadtführung, stattdessen mit Bier und Stadionbesuch. Und das Schönste ist, dieses unfassbar, symphatische Völkchen bleibt noch ein paar Tage, sie stehen im Achtelfinale gegen Wales - wieder schallt es durch meinen Kopf „Eeeeeeverywhere weeee gooooo, it's the Uuuuuuulster Boooys maaaaking aaaalll the nooooise..."

 

Mehr zum Thema Programm