Blog: Humba, Schweini und die Chaoten

Deutschland Europameisterschaft 2016

BLOG: Autofahnen, schwarz-rot-goldene Felgen und Dosenbier – die Autobahn nach Lille ist voll von Fans der Deutschen Nationalmannschaft. Sonntagmorgen, 9 Uhr auf irgendeinem Rastplatz im belgischen Huy: „Deutschland, Deutschland"-Rufe! Jetzt hat das EM-Fieber auch Deutschland gepackt. Tausende Fans begegnen mir auf der Reise an die belgische Grenze, ins französische Lille.

Nach zweieinhalb Stunden Autofahrt komme ich gegen 10 Uhr in der Innenstadt an. Und direkt wird klar: Lille ist eine EM-Stadt. Nach dem großen UEFA-Begrüßungsschild kurz nach der Autobahn mit der Aufschrift „Bienvenue Welcome“ treffe ich an jeder Ecke Fans – Trikots von Wales, England, Belgien, Frankreich, Albanien oder Deutschland machen das Bild einer bunten Fußball-Europameisterschaft rund. Kein Stuhl ist mehr frei in den Cafés und Bistros rundum den Grande Place in Lille. Es wird Bier getrunken und Baguette gegessen. Die Stimmung ist friedlich. Es sind noch knapp 8 Stunden bis zum Spiel, als die ersten Fangesänge von kleineren Fangruppen angestimmt werden. Eine davon kommt aus Eschweiler. Der Fanclub Nationalmannschaft Eschweiler aus dem 100'5-Revier ist mit 8 Mitgliedern angereist. Sie singen „Die Nummer 1, die Nummer 1, die Nummer 1 der Welt sind wir!“ - und zig andere machen mit, darunter auch eine Gruppe von vier Mädels aus Luxemburg. Sie haben „FollowYourTeam-Tickets“ - damit können sie jedes Spiel der Deutschen Nationalmannschaft bei der Euro2016 besuchen. Das Fanbild ist bunt gemischt: Dortmund-, Bayern-, Schalke-Fans, Familien, Jugendliche, die einfach mal ein EM-Spiel sehen wollen, Schaulustige und eben auch gewaltbereite Hooligans..

Von jetzt auf gleich kippt die Stimmung

Gegen 16.30 Uhr wird es laut. Kurz vor Beginn des fünf Kilometer langen Fan-Marschs zum Stadion heizt ein Offizieller vom Fanclub Nationalmannschaft die knapp 5.000 Fans ein. „Deutschland 3...Ukraine 0“, schallt es durch die Straßen. Eine klasse Stimmung!

Ganz anders sieht die Situation in der Innenstadt am Bahnhof aus. Rund 50 gewaltbereite Hooligans aus Deutschland stürmen auf die Ukraine Fans zu. Zu dem Zeitpunkt bin ich bei der friedlichen Stimmung. Doch die Nachricht über die Ausschreitungen macht schnell die Runde. Nicht zu übersehen: Die französische Polizei fährt mit mehreren Einsatzwagen zu den Krawallen – da ist schon klar, die Behörden sind zu spät. Auch ein Polizei-Hubschrauber kommt zum Einsatz. Unschöne Szenen, die seit den Ausschreitungen von Marseille jetzt mehr und mehr auftauchen.

Bei Regenschauer ins Stadion

Vorher oft angesprochen, vor Ort dann das ernüchternde Ergebnis. Die Sicherheitskontrollen wurden als die Größten, Ausgiebigsten und Längsten angekündigt. Am Ende aber berichten mir viele Fans: „Da gibt’s bei jedem Derby bei uns mehr Kontrollen!“ oder „Gelernt haben die aus gestern nichts!“. Es gibt Kontrollen, sogar drei an der Zahl. Aber Quantität ist nicht gleich Qualität. Die Ordner schauen nur sporadisch in die Taschen, einige Fans halten direkt die offene Tasche hin, damit die Sicherheitskräfte reinschauen – stattdessen aber werden sie weitergeleitet. Auch ich gehe mit großen Erwartungen in die Kontrolle. Bei einem kräftigen Regenschauer stelle ich mich an. Nach nur wenigen Sekunden bin ich durch alle drei Kontrollen. Ich habe das Gefühl, bei diesem Sauwetter wollen die Behörden die wartende Menge nicht zu lange im Regen stehen lassen. Regenwetter hin oder her, Sicherheit geht auch dann vor...

Schweini versöhnt

Im über 50.000 Zuschauer großen Stadion stelle ich die Sicherheit erneut auf die Probe. Um ein paar Bilder in der ukrainischen Fankurve zu machen, gehe ich einmal durchs Stadioninnere an sämtlichen Blöcken vorbei – ohne, dass ich einmal nach meinem Ticket und Sitzplatz gefragt werde. Ordner schauen mich an, lassen mich aber ohne Probleme gewähren. „Ist doch klar, dass in Marseille die Krawalle im Stadion passieren, bei den Kontrollen“, ärgert sich ein Fan neben mir.

Am Ende eines langen EM-Tages mit vielen ernüchternden Eindrücken zur Sicherheit in Frankreich, den vielen Fangesängen mit einer Humba und den überflüssigen Schlägereien unter Hooligans, gibt es ein versöhnliches Ende. Bastian Schweinsteiger, der WM-Held von 2014 und Fan-Liebling, macht das entscheidende 2:0. Drei Minuten Spielzeit ein Tor, das kann sich sehen lassen. Und am Ende gibt es „Schweini, Schweini“-Sprechchöre. Ein schönes Bild der Deutschen Fans. Bitte mehr davon!

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