Blog: Adieu Euro

„Bitter, einfach nur bitter.“ „Ich bin enttäuscht, mehr kann ich nicht sagen.“ Die Fans der Deutschen Nationalmannschaft gehen mit hängenden Köpfen aus dem Stade Vélodrome in Marseille. Währenddessen läuft im Stadion die größte Party des Gastgebers – die Deutschen dürfen noch gratulieren und dann geht’s wieder Richtung Heimat. Die Fußball-Europameisterschaft ist für La Mannschaft beendet. 0:2 gegen Frankreich im Halbfinale.

Ein Handelfmeter, eine missglückte Neuer-Rettung, ein verletzter Boateng und mit Schweini ein tragischer WM-Held: „Diese Euro geht mit Pech zu Ende“, sagt mir Marc aus Bottrop ins 100‘5-Mikro. Was bleibt? Ein tolles deutsches Team mit spielerischer Überlegenheit fliegt heim. Keine Tore, kein Stürmer, kein EM-Titel. Am Ende fehlte der Mannschaft der letzte Biss vor dem Tor. Frankreich spielte clever und hatte mit Griezmann an diesem Halbfinal-Abend den Unterschied auf dem Platz. Es endet ein Trip in ein Land, das Stärke zeigt, aufsteht und dem Terror trotzt.

Polizei und Soldaten an jeder Ecke

„Sicher ist man nirgendwo, aber die Behörden fahren schon groß auf“ – ein Satz, der immer wieder von Fans zum Thema „Sicherheit“ in Fankreich gefallen ist. Frankreich hat vor der Europameisterschaft ein riesiges Sicherheitskonzept vorgestellt. Am Ende bleibt es friedlich – bis auf die wenigen Hooligans, die vor allem am ersten EM-Wochenende für Schlagzeilen sorgten. An Sehenswürdigkeiten, an Flughäfen, an Bahnhöfen, an öffentlichen Plätzen, in den Gassen und Straßen bleibt bei mir das Bild von schwerbewaffneten Polizisten und Soldaten. Ein Bild, an das wir uns wohl bei großen Veranstaltungen in Europa gewöhnen müssen.

Will Grigg stiehlt allen die Show

Nordirland gewinnt für mich die Feier-Europameisterschaft. Sie sind mit Island die Überraschung des Turniers. Die kleinen Nationen sorgen für die größte Stimmung. In die Pubs gehen sie mit Gummipuppen und kommen gefühlt nie wieder raus. Und das schönste ist, sie verteilen freien Eintritt für alle anderen Nationen. Egal aus welchem Land man bei dieser Euro kommt, jeder wird vorbei an den Türstehern direkt durchgelassen - zum größten Feiervolk der EM. Umarmung inklusive.

Vielfach kritisiert: Der neue Turniermodus. Die Vorrunde verkommt zur Taktiktafel mit Langeweile – Tore werden zur Mangelware. Als Fan im Land aber ist es die Verlängerung einer großen Party. Island spielt berauschend auf, kommt ins Viertelfinale. Nordirland und Irland erreichen das Achtelfinale und Wales schafft es sogar ins Halbfinale. Die Pub-Betreiber freuen sich, kostet doch ein Bier 6 bis 9 Euro für einen halben Liter. Egal, Will Grigg gibt einen aus: Der Stürmer von Nordirland darf kein Mal bei der EM spielen, trotzdem ist der Mann, der die Charts bei dieser Euro anführt. Der Hit „Will Griggs on fire“ wird zum Ohrwurm der Euro. Die Isländer liefern dazu das „Huh“. Die Wikinger wären stolz auf ihre Nachkommen. Mit ihrem lautem „Huh“-Rufen und dem parallelen Klatschen sorgen sie sogar dafür, dass der Gastgeber Frankreich am Ende einen Anfeuerungsruf imitiert – und wieder mal wird deutlich: Beim Feiern haben die Kleinen den Partyhut auf.

Au revoir

Eine tolle Zeit geht zu Ende. Ein friedliches Miteinander mit tausenden Deutschen in Lille, Paris, Bordeaux und Marseille bleibt mir in Erinnerung. Angefangen hat alles mit der Humba beim ersten Fanwalk in Lille: Kurz vor dem Spiel wird eine Humba angestimmt, der Trubel kann beginnen. Knapp vier Wochen ist die Feierei vorbei. Ob auf dem Campingplatz, in der Metro, am Strand, in der Bar oder im Stadion: Merci Frankreich. Es war eine tolle Europameisterschaft - egal woher, egal wie, das Miteinander stand im Vordergrund. Au revoir!

 

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