Michael Jackson "Michael"
Sony öffnet die Schatzkiste oder ist es doch eher die Kammer des Schreckens?
Der Ausverkauf hat jedenfalls begonnen. Rund 100 bislang unveröffentlichte Songs Michael Jacksons werden in den kommenden Jahren auf sieben Alben veröffentlicht. Den Anfang hat nun „Michael“ gemacht. 10 Songs verteilt auf rund 45 Minuten Musik. Man haushaltet natürlich mit dem vorhandenen Material und produziert zuende, was vielleicht niemals hätte produziert bzw. veröffentlicht werden sollen. Da die Erbengemeinschaft allerdings 250 Millionen Dollar kassiert, wird jetzt – passend zur Weihnachtszeit – Kasse gemacht.
„Michael“ präsentiert ein äußerst unhomogenes Konglomerat aus den unterschiedlichsten Schaffensperioden eines Ausnahmekünstlers. Fragmentarisches, Bruchstückhaftes und bereits produziertes Songmaterial wird so in Form gebracht und einer breiten Öffentlichkeit präsentiert. Es gibt uns allenfalls Einblick in das, was nicht veröffentlicht werden sollte. Immerhin: langjährige Jackson-Vertraute und -Produzenten wie Teddy Riley oder Ron "Neff-U" Feemster versuchen die Songs in Michaels Sinne zu vollenden.
Denn dass diese Songs von Michael Jackson nicht zur Veröffentlichung vorgesehen waren – vergessen.
Dass sie dem um absolute Perfektion Bemühten nicht gut genug erschienen – egal.
Die Verwertungskette rasselt und die Maschinerie spuckt aus, was das Archiv hergibt. Mit fragwürdigem Ergebnis. Schnäppchen oder Michaels Resterampe? Beides.
„Hold my hand“, die erste Single und ein Duett mit Akon ist eine sehr durchschnittliche Ballade, die aber nicht zu dem Schlimmsten gehört. Die Botschaft – typisch Michael Jackson. Nehmt euch an die Hand und dann könnt ihr jede Hürde meistern.
„Hollywood tonight“ hatte Michael ursprünglich für das letzte, 2001 erschienene Album „Invincible“ geschrieben. Es klingt eher nach Ende der 90er Jahre und handelt von einem Mädchen, das sich nach L.A. aufmacht um Ruhm und Erfolg im Filmgeschäft zu finden.
„Keep your head up“ ist einer Kellnerin gewidmet, die von Michael Jackson ermuntert wird mit erhobenem Kopf durch die Welt zu gehen und auch in schwierigen Zeiten nicht aufzugeben. „All we need is love“ tönt es in diesem Gospel angehauchten Song. Das ist nicht wirklich schlecht, wird aber auch nicht als großartige Komposition in Erinnerung bleiben. Der Song klingt allzu beliebig und routiniert heruntergespielt. Er bleibt ebenso hängen wie Eier an der Teflonpfanne. Er soll 2007 im Haus des Hotelmanagers Dominic Cascio, mit dessen Söhnen Jackson gemeinsam musizierte, entstanden sein.
„(I like) The way you love me“, bereits 2004 auf der Ultimate Collection veröffentlicht, ist ebenso schnell wieder vergessen, wie gehört. Belanglos.
Der Tiefpunkt ist aber erst mit „Monster (feat. 50 Cent)“ erreicht. Warum taucht 50 Cent in dem Song auf? Angeblich auf ausdrücklichen Wunsch Jacksons. Vielleicht versuchte er mit Künstlern, die zu dem Zeitpunkt der Aufnahme en vogue waren, selber auf der Höhe der Zeit zu sein? Vergebens.
„Breaking news“ ist von der Melodieführung aus betrachtet ein guter Song, der allerdings textlich und gesanglich so miserabel ist, dass spätestens hier die Zweifel, ob das Archivmaterial wirklich veröffentlicht werden sollte, überwiegen.
„Best of joy“ soll einer der letzten Songs gewesen sein, an denen der King of Pop im Hinblick auf die geplante Konzertreihe in London gearbeitet hat. Wenn dem so war, zeigt es erneut, das Michael Jackson seinen künstlerischen Zenit schon lange, lange überschritten hatte.
Lediglich das Ende des Albums versöhnt nochmal mit drei passablen bis sehr guten Stücken.
Die Ballade "Much too soon" stammt aus seligen "Thriller"-Zeiten und ist durchaus würdig veröffentlicht zu werden. Hätte allerdings auch auf einer Collectors Edition des Albums noch Platz gefunden.
Ebenfalls aus den 80ern und wohl der Höhepunkt des Albums: das in Zusammenarbeit mit Ryuichi Sakamotos Yellow Magic Orchestra entstandenen „Behind the mask“. Dieser Song ist großartig und verdeutlicht erneut wie unglaublich gut Michael Jackson einmal war.
Auch das in Zusammenarbeit mit Lenny Kravitz entstandene „(I can't make it) Another day“ gehört zu den besseren Songs des Albums, zu Zeiten des „Invincible“ Albums aufgenommen.
Wenig Licht und viel Schatten also auf dem posthum zusammengeschusterten Flickenteppich, der sich einer Wertung entzieht.
Keine Wertung.


