Die Superhits der 80er, der 90er und das Beste von heute

Herbert Grönemeyer "Schiffsverkehr"

Rückblickend betrachtet – so gab Herbert Grönemeyer gerade in einem Interview mit der ZEIT zu Protokoll – waren die letzten Alben „Bleibt alles anders“, „Mensch“ und „12“ eine Trilogie. Das neue und 13. Album sei ein Neuanfang. Rau und unfertig soll der Sound sein, ein wenig so wie in den achtziger Jahren.

Natürlich sind Äußerungen der Künstler über das jeweils aktuelle Album durchaus mit einer gewissen Skepsis zu betrachten. Meist ist es das Beste, was sie je gemacht haben und alles ganz neu und sowieso anders. In der Regel stimmt das dann nur sehr bedingt

In gewisser Hinsicht hat Herbert Grönemeyer aber tatsächlich etwas verändert. Akzente verschoben. Und zwar bei den Texten. Standen in der Vergangenheit oftmals sozial- bzw. gesellschaftskritische Aspekte im Vordergrund, so besingt er nun die inneren Befindlichkeiten. Fast schon hermetisch. Die Welt kann weitestgehend draußen bleiben.

Das gilt freilich nicht für alle Texte des Albums. Sowohl die Alzheimererkrankung seiner Mutter („Deine Zeit“), als auch der Afganistaneinsatz („Auf dem Feld“) werden thematisiert. Den platten Holzhammer holt Herbert aber nicht heraus. Zeilen wie „Kämpft einen schrägen Krieg...Es geht nicht ums gewinnen/nur um einen schalen Sieg/ und noch um mein schmales Ich/Tanzt das goldene Kalb“ („Auf dem Feld“) lassen nur erahnen, dass der bundesdeutsche Kampfeinsatz gemeint ist. Ähnlich vorsichtig nähert er sich textlich der Erkrankung seiner Mutter in „Deine Zeit“. „Du sprichst, wenn Du nichts sagst/Wenn Du Dich vertagst/Und Dein Weg scheint weit/Läufst schweigend in/Vergangenheiten weg/Nach Deinem Sinn und Zweck“. Eine sehr lyrische Umsetzung des Themas.


Hörproben: Kreuz meinen Weg - Unfassbarer Grund - Wäre ich einfach nur feige

Hörprobe 1

Allerdings geht es auch mal ganz anders. Bei der Textzeile „Monotonie/Ist wie ein Schuss ins Knie/Und weiter bringt sie einen nie“ („Fernweh“), habe ich mich schon gefragt, ob er das wirklich ernst meint? Man ist ja geneigt gedanklich ein „Schalalie“ anzufügen. Tatsächlich ist es ein „Ba Da Do Ri Di Da Da“. Nun ja.

Das Versprechen eines Neuanfang kann Herbert Grönemeyer nur sehr bedingt einlösen. Bei einigen Songs klingt er tatsächlich rauer, frischer („Schiffsverkehr“, „Kreuz meinen Weg“). Und der mit einem ironischen Augenzwinkern vorgetragene Countrysong (!) „So wie ich“ macht richtig Spaß. „Ab jetzt bin ich für mich da, verzeihe mir/Egal was war, ich zähl auf mich...Ich bin total in mich verliebt“.

Die Balladen von Herbert Grönemeyer sind und bleiben ein fester Bestandteil seiner Alben, da macht „Schiffsverkehr“ keine Ausnahme. Und sie klingen – was durchaus kein Nachteil ist – weiterhin typisch nach Grönemeyer. „Unfassbarer Grund“ erinnert in seiner Melodieführung sehr stark an „Lied 4 – Marlene“ vom Vorgängeralbum.

Wenn dieses Album wirklich ein Neustart ist, dann ist es jedenfalls eher ein evolutionärer als ein revolutionärer.

Bleibt alles anders und gut.

7/10